Kreativität kitzeln

Renato Mitra ruft zu einer Blogparade auf. Er möchte wissen, "...was Ihr macht um die Kreativität und Originalität zu fördern oder aktivieren.". Da mache ich doch gerne mit, auch wenn es sich bei mir nicht in erster Linie um das Thema Design drehen wird. Also los...

Zugegeben, es fällt mir leichter, in einer Gruppe kreative Ideen zu entwickeln. Doch leider bin ich in der Realität sehr oft dazu verdammt, als one-man-show Einfälle entwickeln zu müssen. Das ist zwar um Längen schwieriger, führt aber durchaus zu brauchbaren Ergebnissen. Allerdings gilt auch hier des Volksmundes Weisheit: Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Oder anders ausgedrückt, man kann das lernen, muß aber üben, üben, üben und dabei so manche Mühe auf sich nehmen.

In Laufe der Jahre habe ich mir so eine Vorgehensweise angeeignet, mit der ich ganz gut zurechtkomme. Und das sieht dann so aus....

Generelle Voraussetzungen
Kreativitätsfördernde Maßnahmen wie inspirierende Musik, dazu ein gutes Gläschen Rotwein am lodernden Kaminfeuer oder ein frischer Cocktail in der Hängematte am Strand sind leider die absolute Ausnahme. Vielmehr befindet man sich meist in einer mal mehr, mal weniger tristen Büroumgebung, mit der Aufforderung "...nun seien Sie mal schön kreativ!".
Das geht nicht? Doch, das geht durchaus. Mir hilft dabei, wenn ich zunächst mal versuche, die folgenden Punkte zu beherzigen.

Offenen Auges durch die Welt gehen
Bewußtseinserweiterung ist mitnichten eine Frage des Konsums von Drogen. Vielmehr geht es darum, den Tunnelblick zu verlieren und einfach mehr von dem wahrzunehmen, was um uns herum passiert. Ein Beispiel?
Versucht einfach mal während des Autofahrens, den kompletten Blickwinkel Eurer Augen bewusst wahrzunehmen, also wirklich von ganz links nach ganz rechts außen. Hoppla, was man da mit einem Mal alles zu sehen bekommt. Mehr ist gar nicht dran an der Bewußtseinserweiterung, auch bekannt als über den Tellerrand sehen. Ach so, bitte nur dann ausprobieren, wenn es die Verkehrslage auch zulässt ;-)

Locker sein und bleiben

Ideen zu entwickeln klappt meiner Erfahrung nach gar nicht, wenn meine Gedanken ausschließlich von einem Problem beherrscht werden. Liebeskummer, ein akuter Eifersuchtsanfall oder Bauchweh wegen einer als ungerecht empfundene Steuernachzahlung sind absolute Einfallskiller. Geht einem so etwas im Kopf herum, kann man es gleich vergessen und verschiebt das Kreativitätsvorhaben besser auf einen späteren Zeitpunkt, wenn sich die Wolken im Hirn wieder verzogen haben.

Störungen vermeiden
Wenn ich die Möglichkeit habe, weiche ich den kaum zu vermeidenden Bürostörungen wie Telefonanrufen oder spontanen Chefbesuchen aus und ziehe mich z.B. in einen leeren Konferenzraum zurück. Am aller Besten ist es für mich, wenn ich mich dazu in meinen vertrauten vier Wände zurückziehen kann, sprich, mir einen Heimarbeitstag gönne. Leider ist diese Möglichkeit nur ganz selten gegeben; bringt jedoch die besten Ergebnisse.

Alles zulassen
Selbstkontrolle und Disziplin werden nicht nur im Arbeitsleben von Dritten gern gesehen. Beides hat nach meiner Auffassung zu Beginn einer Kreativitätsphase nichts zu suchen. Fange ich schon zu diesem Zeitpunkt an, meine Gedanken zu werten, beschneide ich meine Möglichkeiten und zwar ganz erheblich. Jeder Gedanke und erscheint er mir auch noch so wirr, zählt. Alles, was mir durch den Kopf geht, hat seine Berechtigung und ist es wert, notiert zu werden. Zensieren werde ich später. Am Anfang gilt: Geht nicht, gibt's nicht. Das halte ich für ganz wesentlich, denn oftmals hat sich schon ein ganz verrückter Einfall zwar nicht als die Lösung, aber doch als Ansatz dafür entpuppt.

Hilfreiches
Ein Kreativitätsprozeß setzt sich meiner Ansicht nach, wie vieles im Leben, aus 20% Inspiration und 80% Transpiration zusammen. Da ich nun mal gar nicht so gerne transpiriere, versuche ich möglichst diesen Anteil weitgehend zu minimieren. Dabeihilft ein Motto über das sich vortrefflich streiten läßt und das da lautet: Lieber einmal etwas gut nachgemacht als dreimal schlecht selbstgemacht. Bevor jetzt Begriffe wie Diebstahl geistigen Eigentums, Plagiatus, Ideenklau und ähnliches in die Kommentare hageln, will ich das schnell graderücken. Ich plädiere keinesfalls dafür, etwas sklavisch nachzuahmen oder gar zu stehlen sondern will sagen, dass es nicht verwerflich ist, sich gute Lösungen anzuschauen und zu überlegen, ob man daraus etwas lernen oder sie mit Eigenleistung sogar verbessern könnte.

Dazu nutze ich einige Strategien, von denen im Folgenden die Rede sein soll.

Vorräte sammeln
Der kluge Mann baut vor (schon wieder mal der Volksmund). Viele von Euch werden mehr oder weniger häufig im Web recherchieren, Newsletter lesen oder einen Feedreader bemühen. Dabei stößt man oft auf interessante Fundstücke, die einem im Moment nichts nützen, von denen aber unser Bauch das Gefühl gewinnt, irgendwann könnten sie einem von Nutzen sein. Ich habe mir angewöhnt, dem menschlichen Jäger- und Sammlertrieb nachzugeben und diese Fundstellen zu archivieren. Das Google Notebook eignet sich meiner Meinung nach ganz hervorragend dafür, weil man eben nicht nur der Link ablegt, sondern ihn auch noch um aussagekräftige Textpassagen ergänzen kann. So ist in den Jahren ein ganz beachtliches, leidlich strukturiertes Sammelsurium an Anregungenentstanden, das ich im Bedarfsfall gerne durchstöbere, um mich inspirieren zu lassen. Gleiches gilt auch für Bookmarksammlungen á la Mister Wong und ähnlichen, die ebenfalls dafür nutze. Googlen ist manchmal übrigens auch keine schlechte Idee.

assoziatives Schreiben
...oder auch Texten ist eine Methode die aus der Schriftstellerei stammt, sich aber auch gut für Ideenfindung einsetzen läßt. Hierbei geht es schlicht darum, zu einem Ausgangsbegriff ganz spontan weitere Begriffe oder Textfragmente hinzuzufügen, zu den neuentstandenen wieder weitere Begriffe und so fort. Man läßt sich dabei einfach vom Unterbewußtsein leiten und hat so recht schnell eine Materialsammlung, auf der man weiter aufbauen kann.

Verrückte Vergleiche anstellen

Wenn ich das Gefühl habe, bei der Ideenfindung auf der Stelle zu treten, hat es sich für mich als recht praktikabel herausgestellt, mit Verfremdungen zu arbeiten. Ich versuche, das bisher gefundene auf eine andere Ebene zu heben, um so den Blickwinkel darauf zu ändern (siehe Bewußtseinserweiterung). Oftmals gelingt mir das, in dem ich die wildesten Vergleich anstelle.

Übertreibungen/Vereinfachungen suchen
Ganz ähnlich verhält es sich bei meiner Methode, einen Gedanken bewusst und völlig übertrieben mit allem was mir einfällt zu überladen oder ihn immer weiter auf das Wesentliche zu reduzieren. Sebst wenn das nicht zu einem konkreten Ergebnis führt, kommt auf alle Fälle wieder Fluß in meine Gedanken oder ich finde ganz neue Ansätze dabei.

Genaues Beschreiben
Meist wird ein Kreativitätsprozeß ja nur deshalb in Gang gesetzt, um einen bestimmten Bedarf umzusetzen oder ein konkretes Problem zu lösen. Leider habe ich immer wieder die Erfahrung machen müssen, dass der zur Kreativität Verdammte mit den dürren Worten "..nun machen Sie mal." allein gelassen wird. Was oft fehlt, ist eine genaue Aufgabenstellung. Da hilft nur, diese entweder nachträglich vehement einzufordern oder aber, sie selbst zu erstellen. Je mehr Mühe man auf die genaueste Beschreibung einer Aufgabe, eines Bedarfs, eines Problems verwendet, um so offensichtlicher und leichter fällt möglicherweise eine Lösung.
Beispiel: Produkt XY soll vermarktet werden und es gilt seine Vorteile zu definieren. Macht man sich die Arbeit und beschreibt die Handhabung so detailliert wie nur möglich und tut das dann auch noch für das Wettbewerbsprodukt EF, ist die Aufgabe schon halb gelöst. Wer es nicht glaubt, möge es einfach mal ausprobieren.

Aktives Zuhören
Dies ist eigentlich eine Methode aus dem Besprechungswesen, funktioniert aber auch in anderen Situationen, so wie hier in diesem Kontext. Man kann statt aktivem Zuhören auch Reformulieren oder rebriefen sagen, wenn man denn zur Fremdwortverwendung neigt. Gemeint ist nichts anderes, als dass der mit einer Aufgabe Betraute dem Auftragsgeber mit seinen eigenen Worten vermittelt, was er verstanden hat. Also: "Wenn ich Sie recht verstanden habe, dann möchten Sie von mir, dass...." Praktiziert man dies konsequent, kann man viele Mißverständnisse schon im Vorfeld weitgehend minimieren.

Hartnäckig bleiben
Oftmals kann es dauern, bis man mit den erzielten Ergebnissen zufrieden ist. Es gibt keine Garantie dafür, dass man sofort und spontan von der Muse geküsst wird. Daher gehört Ausdauer mit zu den Tugenden. Wenn es nicht auf Anhieb klappt, nicht verzagen, einen neuen Anlauf wagen.

Blockaden lösen
Will kein Gedanke mehr gelingen und hat man das Gefühl, nicht voran zu kommen, macht sich schnell Frust breit, der oftmals in einer Totalblockade endet. Da hilft nur - Pause machen - gedanklich entspannen, sich mit etwas ganz anderem beschäftigen und unter Umständen erst am nächsten Tag neu anzusetzen. Denn wie sagte schon der Bau-Polier bei meinem ersten Ferienjob als Schüler: "Wer nicht richtig Pause machen kann, kann auch nicht richtig arbeiten." Recht hat er!

Werkzeuge
Nun noch ein paar Worte zu den Werkzeugen, die ich neben den klassischen wie Papier und Bleistift einsetzte, um meine mühsam erzeugten Gedanken letztlich zu dokumentieren und weiterzuverarbeiten.

fürs Brainstorming

...reicht eigentlich so was profanes wie ein Blatt Papier, ein Flipchart und etwas zu schreiben. Gut, ein PC mit einem ordentlichen Textverarbeitungsprogramm ist auch nicht zu verachten.
Möchte man als one-man-show dennoch nicht gänzlich allein vor sich hinarbeiten, bietet sich ein Online Dienst an, der da brainr heißt. Dieser ist dankenswerter Weise noch kostenlos und liefert durchaus brauchbare Ergebnisse. Die Idee: Man formuliert sein Anliegen, stellt in seinemFeedreader den entsprechenden RSS Feed ein und und fischt so ganz bequem die Ergebnisse ab, die andere User freundlicherweise beisteuern. Die Qualität der Antworten ist gut, denn offensichtlich haben noch nicht viele destruktive Spaßvögel Notiz von brainr genommen. Hoffentlich bleibt das auch noch eine Weile so. Hier mal ein Beispiel.

fürs Mindmapping
Mindmapping ist eine sehr einfache und flexible Art, Sachverhalte zu strukturieren. Ich nutze sie schon seit langer Zeit grade auch bei der Ideenfindung. Als (noch) kostenlosen Web Dienst greife ich auf mind42 zurück und offline auf die Open Source Lösung Freemind. Der wesentliche Vorteil von mind42 liegt für mich darin, dass ich hier die offline mit Freemind erstellten Maps importieren und sie für eine anschließende Teamarbeit auch mehreren bereitstellen kann.

Ausblick
Und was geschieht nun weiter mit den gesammelten Ideen, Lösungen oder Ansätzen? WelcherProzeß schließt sich nun hier an?

Vielleicht: Idee -> Gliederung -> Verfeinerung -> Konzept -> Aufgabenverteilung -> Terminierung -> Umsetzung -> Kontrolle ->Feedbackschleife

Ich denke, das könnte ein prima Thema für eine neue Blog-Parade sein ;-)

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